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Selbstfindung in der Zweisamkeit ("Das Leben zwischen den Sternen")
• • • • • (bewertet mit 5 von 5 Punkten)
Nach der Lektüre einiger Teenie-Techtelmechtel freut man sich auf einen Roman mit gestandenen Erwachsenen aus allen Altersgruppen und sozialen Schichten. Die Freude währt nur kurz. Auch hier geht es um dieselbe Problematik. Die persönlichen Nöte, die gegenseitigen Vorbehalte, die Miss- oder gar Unverständnisse, die Boshaftigkeiten zwischen den Menschen sind offensichtlich altersunabhängig und allgegenwärtig.
Ein athletisch gebauter "braun gebrannter Schwimmer aus dem Bilderbuch der Träume" (S.198) namens Ford verguckt sich in Dan, eine ein paar Jahre ältere "blasse Schönheit. Dan leidet an der Bluterkrankheit und ist zusätzlich noch HIV positiv - wohl durch eine nicht ausreichend kon- trollierte Bluttransfusion übertragen. Die äußerliche Ungleichheit der beiden ist zwar eine die gegenseitige Anziehung nicht schmälernde Kom- ponente, ganz im Gegenteil, kann allerdings ihre tiefer sitzenden jeweiligen Vorbehalte auch nicht übertünchen. Die Zerbrechlichkeit ihrer Beziehung hat viele Ursachen.
Ford kommt aus einer reichen Arztfamilie, die sich ihrer Traditionen be- wusst ist, sie pflegt und sie durch den ebenfalls im Arztberuf tätigen Sohn weitergereicht sehen möchte. Dadurch entstehen viele Jahre quälender Ungewissheit und Vorwürfe der Eltern an Ford, wann er nun endlich heiraten werde. Der denkt gar nicht daran. Schließlich ist Dan der Mann fürs Leben - redet er sich ein und behält das Geheimnis für sich. Dessen Eltern stammen aus eher bescheidenen Verhältnissen. Sein Vater ist tot, und die Mutter lebt nit ihrem zweiten Ehemann in einem Wohnwagen. Aber sie ist eine verständnisvolle Beschützerin, die nach anfänglichen Vorhaltungen den Sohn akzeptiert, so wie er ist. Diese vertrackten Familienkonstellationen brechen immer wieder aufs Neue in Diskussionen durch, sowohl zwischen dem "grauäugigen Elfenkönig" (S.200) Ford und dem sich eher außerhalb der üb- lichen gesellschaftlichen Zwänge bewegenden Dan mit den "Diamantspitzen" (S.85) in den ernsten Augen, als auch zwischen Ford und seinen Scheuklappen tragenden und zur Akzeptanz ihres Sohnes unwilligen Eltern. Das verunsichert Ford dermaßen, dass er permanent von einer "nagenden Angst" (S.116) geplagt wird. Vertrauen und Misstrauen wechseln sich ab, wozu oft auch Dan mit seiner Janusköpfigkeit beiträgt, weil er unter- schiedliche Strukturen seiner Persönlichkeit von sich abgibt. Und Ford hat ein Problem mit seiner Homosexualität ,vor der Öffentlichkeit und vor sich selbst, und verdrängt das Schwulsein mit dem Hinweis an Dan, dass Männer sich nicht küssen; überhaupt will er "über dieses schwule Zeug nicht reden" (S.190). Unüberhörbar ist die Sprachlosigkeit zwischen den beiden Freunden präsent, die Furcht, den anderen durch ein unbedachtes oder falsch gewähltes Wort zu verletzen. Daraus resultiert die Verschlossenheit und das Abriegeln des eigenen inneren Zuhause vor dem Partner. Hinzu kommt noch die Belastung durch die Aussicht auf ein lebenslang durchzustehendes Sexualleben nie ohne Kondome. Viel wird zwischen den Zeilen angedeutet, aber nicht ausgesprochen. "Irgendwie ist nichts so, wie es sein sollte" (S.129). All diese Momente des gegenseitigen Fixierens, Belauerns, der Demütigungen und innerlichen Gemeinheiten haben ihren Ursprung in Fords verborgenem Doppelleben, als Klinikarzt und als Schwuler, und in Dans gefühlloser Einstellung: Er "fühlte sich sicher, wenn Ford seiner nicht ganz sicher war. Ein Versteck. Eine Zuflucht" (s.189). Er fürchtet am meisten, dass Ford Macht über ihn gewinnen könnte. Und Ford? "Ich habe Angst..vor dir" (S. 201). Woher kommt die? Dan ist eine Sphinx, selbstbewußt auftretend, Theater spielend und Lieder singend, ein geachteter Hobby-Künstler neben seiner Tätigkeit in der Klinikverwaltung. Eigenständig und schwer zu durchschauen. Trotz aller Streitereien und Meinungsverschiedenheiten mündet das unentwegte Bemühen der beiden um das Verstehen des anderen schließlich in die Feststellung am Schluss des Romans: "In dieser Nacht gelang ihnen die Liebe" (S.240).
Das alles sind mehr oder weniger Klischees. Wo ist also das Besondere und Herausragende des Buches? Die Weihnachtszeit wird hier zum alles entschei- denden Ereignis, ausführlichst, fast zu weitschweifig erzählt mit vielen kleinen Nebensächlichkeiten ohne erkennbare tiefere Bedeutung. So viel Weihnachtszauber ist den meisten Lesern wohl fremd. Aber: Ausgerechnet das Fest der Liebe entlarvt die Sturheit und Lieblosigkeit in Fords stink- reichem Elternhaus und offenbart die liebevolle Zuwendung in Dans ärmli- chem Wohnmobil. Ford und Dan werden hinaus geworfen vom eigenen Vater, gehen trotzdem unbeirrt ihren Weg gemeinsam weiter. Die Belohnung für die Zielstrebigkeit ist die Gewissheit des Zusammenbleibenkönnens der beiden Männer. Ihr Trotz und ihre Liebe überwinden alle Hindernisse. "Ihr zwei habt ganz schön was geschafft" (S.257), wie es Fords Schwester anerkennend formuliert. Sie sind zu einem sich ihres eigenen Wertes bewußt gewordenem, selbstbestimmtem Paar zusammen gewachsen. Der Weg zum Ich geht über das Du - ein schwieriger Prozess, ein Kampf gegen innere und äußere Widrigkeiten.
Ein sprachlich und erzählerisch gelungenes, schönes Buch voller Melancholie und Optimismus, anspruchsvoll, nicht zuletzt in der Beschrei- bung von den Menschen begleitenden Naturvorgängen. Mensch und Natur bilden hier eine kosmische Einheit.
Eine Rezension von Roland's books >
vom 2. Februar 2009 | | | | | | | |
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