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Amerika ein garstig Land ("Der Langstreckenläufer" von Patricia Nell Warren)
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Das Buch ist eine Wucht: Es rüttelt auf, es regt an, es appelliert, es klagt an. Es ist eine Love-Story, ein Krimi, ein Drama, ein Männerbuch, ein Sportlerbuch. Voller Emotionen, Träume, Frömmigkeit, Religiosität, Beharrlichkeit, Tragik, Einsamkeit, Zuversicht, Poesie. Nur eines ist es nie: Langeweile. Kurz: Es ist ein Erlebnis, nämlich ein literarisches Monument für den unbezwingbaren Willen einer rebellierenden Minderheit zur "erbarmungslosen Wahrheit, weil das ... die einzige Möglichkeit zu überleben" ist.(S.14)
Worum geht es? Das eigentliche Romangeschehen umfasst in 20 Kapiteln nur die zwei Jahre von Dez. 1974 bis Ende 1976. Ein kurzer Epilog umreisst die Teilnahme des jetzt 43jährigen Harlan an einem Seniorenlauf 1978. Rückblenden des Ich-Erzählers Harlan Brown auf seine Kindheit und erwachende Homoerotik bereiten den gedanklichen Boden für seine turbulenten und problembehafteten Jahre als Sporttrainer und -coach an diversen Institutionen der USA. In diesen zwei Jahren ändert sich das bisherige Leben aller Beteiligten in drei Phasen auf dramatische Weise: das Auftauchen von drei schwulen Läufern am Prescott-College, die zuvor an der Universität von Oregon rausgeschmissen worden waren; dann die diversen Vorbereitungsetappen auf die Olympischen Sommerspiele in Montreal 1976, ständig begleitet von Zoff, Bürokratismus, Mauschelei, Psychoterror, Schikanen durch die US-Leichtathletikverbände AAU, NCAA und des Nationalen Olympischen Komittes, ja sogar des IOC in Lausanne, gegen die unliebsamen, nicht in die gängigen Moralvorstellungen passenden, selbstbewussten schwulen Individualisten; und schließlich der Ablauf der eigentlichen 5000- und 10000-Meter-Langstreckenläufe in Montreal. Ich hatte lange Zeit Bedenken, mir diesen Roman "anzutun", weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass die Schilderungen von täglichem, stundenlangem Lauftraining nicht schiere und gähnende Langweile beim Leser auslösen. Das Gegenteil ist der Fall. Keine Trainingseinheit gleicht der anderen, so viele wechselnde Handlungsschauplätze, einschließlich der europäischen, und Personen- konstellationen sind selten in Romanen und machen süchtig aufs Weiterlesen.
Zu den Protagonisten: Ich liebe, verehre, ja vergöttere den 22jährigen BILLY SIVE. Alles, was er denkt, sagt, will, tut ist ernst (Harlan: "Er hatte nicht viel Sinn für Humor" S.82),ist offenherzig und wahrhaftig. Er ist ein guter, ehrlicher Mensch, ein prima Kerl, ein treuer Freund, ein bewundernswerter (makelloser) Held, fast schon engelhaft und überirdisch. Hier reflektieren sich innere und äußere Schönheit, er ist ausgestattet mit den "wundervollsten Augen, die ich je bei einem Mann gesehen hatte" (S.11). Die Eleganz seines Laufes mit der schwebenden Leichtigkeit, Gleichmäßigkeit, animalischen Kraft und Ausdauer ist ein ästhetisches Schauspiel. In Montreal wählt ihn die amerikansche Olympiamannschaft gegen den erbitterten Widerstand der Sportfunktionäre zum Fahnenträger der USA. Damit hat er den Gipfel seiner sportlichen Karriere erklommen: "Ich platze hier noch vor Lebensfreude." (S. 306) Kaum eine andere fiktionale Gestalt hat mich je so ergriffen, ich gestehe: zur Heulsuse werden lassen. Er setzt sich ein hehres, hoch gestecktes Ziel, vertrauend auf die Kräfte seines Glaubens, des Buddhismus. Wenn irgendwo, dann trifft hier die Bezeichnung des klassisch-antiken, tragischen Helden zu: Im Moment des größten Triumphes, auf den er jahrelang mit unglaublicher Willenskraft und "unerschütterlichem Optimismus" (S.286) hingearbeitet hat, die zweite Goldmedaille in Montreal war zum Greifen nahe, ereilt ihn das Schicksal. Mehr sei nicht verraten. Er setzt sein Leben ein, opfert sich für eine richtige, hier die schwule Sache, die Goldmedaillen, seine Siege sollten die amerikanische Nation, sollten die Welt wachrütteln, seinem Credo weltweit Gehör verschaffen: leben und leben lassen, lieben und lieben lassen. Er lebt seine Botschaft: Feindschaft, Ablehnung und Intoleranz unter den Menschen sind die Krankheiten unserer Zeit und die größte Gefahr für unsere Zivilisationen und Gesellschaften, nicht die Homosexualität. Seine Tragik liegt darin, dass er verliert, damit es danach besser wird. Sein Einsatz war nicht umsonst. (Vgl. S. 357 Mitte)
Man mag einwenden: Die 70er Jahre sind doch längst vorbei, vieles, wie zum Beispiel Frauen- und Schwarzenrechte, hat sich zum Besseren gewendet. Stimmt nur zum Teil. Stichwort George W. Bush: er war ein Spalter der Gesellschaft. Die nicht nur in den USA, sondern weltweit grassierende Homophobie ist leider ein Dauerthema. Lassen wir einmal die osteuropäischen und arabisch-afrika- nischen Länder außer Acht, in denen Minderheiten täglich mit Gemeinheiten und Quälereien leben müssen, so ist gerade Amerika nach Bush jun. ein zweigeteiltes Land: ein Hort der Freiheit vs. eine Hölle der Intoleranz und Gewalt; echte und mutige Humanisten wie Joe Prescott, der Gründer und Leiter des Colleges, an dem die schwulen Sportler und ihr Trainer Harlan unbehelligt ihrer Arbeit nachgehen können, vs. ein Sammelbecken von religiösen Fundamentalisten im Namen Jesu, die die Dreistigkeit besitzen, der Welt ihre wirren Vorstellungen von Demokratie und Menschenrechten(!) mit Waffengewalt aufzuzwingen; ein Land von paradiesischer Schönheit der Natur ("God's own country") vs. mittelalterlichen Moralvorstellungen bei einem großen Teil der US-Bevölkerung; ein Oberstes Bundesgericht, das am 17.2.1975 in seinem Urteil die Bürgerrechte für alle verkündet und insbesondere auch die Gesetze gegen Homo- sexualität für verfassungswidrig erklärt vs. gewaltbereite Fanatiker und Brandstifter, die alle Schwulen erst an den Pranger stellen und danach dem Henker übergeben wollen. ALL DIESE AMBIVALENZEN KOMMEN IM ROMAN ZUR SPRACHE UND MACHEN IHN SO LEBENDIG UND LESENSWERT, ein Mahnruf, sich für die unver- äußerlichen Menschenrechte nicht nur der Schwulen einzusetzen. In diesem Sinne ist es ein p o l i t i s c h e s Buch, d i e Pflichtlektüre in den Schulen und für alle Heteros, weil hier gezeigt wird, wozu paranoide "Normalos" verbal und in ihrer menschenverachtenden Verblendung auch aktiv mit Waffengewalt fähig sind. Es ist ein Appell zu mehr Zivilcourage, wie sie Billys einziger heterosexueller Freund und Läuferkonkurrent MIKE STELLA unter Beweis stellt: ein strahlender Leuchtturm in all dem Dunkel des Hasses, ein klasse Kumpel. Darüber hinaus schildert der Roman auch so viele emotionale Einzelheiten, ja Kabinettstückchen, die einfach herzergreifend und vergnüglich sind. Keine Kamera könnte z. B. die (halb)schwule Boogie-Orgie mit Billy und Vince auf dem Campus schöner wiedergeben als die zupackende Sprache der Autorin: hemmungslos, mitreißend, lasziv, schamlos im besten Sinne, einmalig. Das ist jugendlicher Spaß am Leben pur.
Mit der zweiten zentralen Gestalt, dem Erzähler HARLAN BROWN, habe ich meine Probleme. Er bleibt mir merkwürdig fremd, unsympathisch. In seiner Funktion als Sportcoach und Trainer zwar kompetent, stets ein harter, fairer Sportler. Aber in den Augen seiner Studenten "ein richtiger Scheißkerl"(S.51), "ein alter dreckiger Sack" (S.150), der jegliches äußerlich erkennbares Mit- gefühl vermissen lässt. Meine diffuse Ablehnung dieses Mannes hat mehrere Gründe. Seine allgegenwärtige Geilheit, mit der er die jungen Läufer, alle knapp über 20 Jahre alt, bis in die letzte Faser ihrer gazellenhaften Bewegungen, ihrer Schönheit und Attraktivität seziert. Jeden hätte er am liebsten gleich in sein Bett verfrachtet. Daneben fehlt ihm die Kraft und Ehrlichkeit, sich selbst und seiner Umgebung ein- zugestehen, dass er stockschwul ist. Stattdessen schwängert er als Student eine Kommilitonin, heiratet sie auch pflichtgemäß, zeugt noch einen zweiten Sohn, obwohl er es mit der "mürrischen Ziege" (S.37) nicht aushält. Er betrügt sie mit zahllosen schwulen One- Night-Stands in New York und anderswo, gaukelt seinen ihm anvertrauten Sportstudenten den toughen Macho vor. Unsympathisch auch deswegen, weil Harlan selbst in Momenten der bittersten Schicksalsschläge, wo um ihn herum Rotz und Wasser geheult wird, keine einzige Träne vergießt. Wahrscheinlich ein Relikt der Erziehung aus seinen Kindertagen (vgl.S.22). Dieser andauernde Kampf gegen die eigenen Gefühle ließ ihn kalt und seelenlos werden. Von dem abendländischen Erziehungsprinzip seit Platon, dem pädagogischen Eros, d.h. der vom reinen Sexualtrieb befreiten, sog. platonischen Liebe zwischen Erzieher und Zögling zur Motivierung und Leistungssteigerung des Jugendlichen, hat er keine Ahnung. Als Ersatz kommen für ihn Strenge, Sturheit, starre Regeln, Bestrafungsrituale zum Einsatz. Das verklemmte Herumgedruckse bis zu seinem 27.Lebensjahr hinsichtlich seiner eigenen Homosexualität, seines Stricherlebens, seines Ekels vor Tunten und Transen, generell vor allem Fraulichen hinterlässt Spuren. Billy durchschaut diese Fassade sofort: Harlan hat noch nie einen Menschen geliebt, sein Unglücklichsein steht ihm ins Gesicht geschrieben. Freilich verkennt Billy den hinter Harlans Eises- kälte steckenden Mechanismus: Nur so konnte er die Distanz zu seinen Studenten und seine wahren Gefühle ihnen gegenüber unter Kontrolle halten (S.101). So wird Harlan also statt vom pädagogischen Eros gerade vom Gegenteil, vom puren Sexualtrieb beherrscht.
Dem lässt er schließlich auch freien Lauf. Allmählich dämmert ihm nämlich, dass er "Billy nur nach Montreal bringen würde, wenn er mit ihm ins Bett ging." (S.118) Und in der Tat, es funktioniert! Sobald die prickelnde Spannung zwischen Trainer Harlan und Läufer Billy eine sinnliche, eine sexuelle Komponente erhält, gedeiht eine fruchtbare Zusammenarbeit. Wer seine Zöglinge liebt, bekommt diese Liebe in Form von Gegenliebe, sprich Leistung zurück. Aber Vorsicht: Natürlich muss jedem klar sein, solche Grund- sätze sind höchst problematisch und lassen sich nicht verallgemeinern. Zwischen Harlan und Billy jedoch haben sie dessen olym- pische Glanzleistungen erst ermöglicht. Dafür müssen sie alle berechtigten Warnungen vor den Reaktionen der schockierten Öffent- lichkeit in den Wind schlagen. Beide wollen kämpfen für ihr privates und sportliches Glück, jeder braucht des Freundes Ent- schlossenheit und Willensstärke, keiner kann und will ohne den anderen leben. Es ist die vollkommene und vollendete Liebe. Sie ist in den vier Monaten seit ihrer ersten Begegnung stetig gewachsen, zunächst unterdrückt, im Verborgenen, bis Harlan endlich seine Selbstbeherrschung aufgab und Billys Liebe auf den ersten Blick erwidern konnte. Es läuft alles wie am Schnürchen, fast perfekt, mit einigen völlig grundlosen Eifersuchtsattacken von Seiten Harlans. Sie heiraten schließlich auf dem Prescott-Campus. Die breite Masse jedoch, die Medien, die Sportfunktionäre wittern Sodom und Gomorrha. Was soll's? "Zum ersten Mal machte mir alles Spaß, was ich tat... Ich war endlich ein richtiger Mensch" (S.159) bekennt Harlan. Aber ausgestanden ist diese innige Beziehung noch lange nicht..... Montreal endet bitter. Billy hat gekämpft, er hat gesiegt und doch verloren. Sie sorgen vor für die Zeit "danach", lassen ihr Sperma einfrieren. Man weiß ja nie, wann "der Tod, dieser Stricher, dieser letzte Liebhaber" (S.337) kommt. Beide quält eine Ahnung von bevorstehendem Unheil: "Irgendwie ist Montreal ein Schlusspunkt" (S.135). Eine Leihmutter findet sich nach den Olympischen Spielen: Betsy Heden, die beste Freundin Billys, wird künstlich befruchtet.
Ein Wort zur Autorin Patricia Warren: Sie kann blendend erzählen, versteckt Vorausdeutungen kommenden Leids im Text wie Ostereier, bindet Naturvorgänge gekonnt und glaubwürdig ein, kann höchst nachdenkenswerte Lebensweisheiten formulieren, richtige Aphorismen, z.B. Harlan: "Ich hatte immer Angst davor, jemanden so stark zu lieben wie mich selbst." (S.220) Aber es fehlt der Humor in allen Lebensbereichen. Wo doch jeder weiß: Schwules Leben I S T "komisch". Es gibt in diesem Roman kaum was zum Schmunzeln, geschweige denn zum Lachen. Die anderen Personen der Romanhandlung erhalten ebenfalls scharfes Profil dank der differenzierenden Charakterisierungskunst von Warren: Billys Eltern (sein Vater: "Ein Käfig voller Narren" lässt grüßen), seine Freunde Jacques und vor allem Vince, der bestaussehende und "absolute Star von den dreien" (S.10), Harlans erste, rein platonische Liebe Chris in der High School, den er sein Leben lang nicht mehr vergessen wird, verschiedene Journalisten und Offizielle des Sports. Über allen "thronen" Joe Prescott und seine Frau Marian: beide die makellose Verkörperung von liberaler Gesinnung und unbeirrbarer Menschlichkeit in diesem erbarmungslosen Dschungel von Hass und Böswilligkeit. Zwei rätselhafte Textstellen beschäftigen mich immer noch: Der Schlusssatz des 20.Kapitels ist nicht koscher, ein Fauxpas, weil dadurch die Liebe zwischen Harlan und Billy instrumentalisiert und relativiert wird: "In diesem Blick" (von Vince) "lebte Billy weiter." (S.366) - Aua! Das tut weh. Die zweite Textpassage (S.334) ist mit ihrer sibyllinischen Gleichsetzung eine Bankrotterklärung und Selbsthinrichtung Harlans. Um das Romanende nicht zu verraten, formuliere ich es mit den Gesetzen der Logik: Wenn A (Richard Mech) ein Bösewicht ist und krank ist, und wenn B (Harlan) diesen A versteht und er bekennt, er und A seien "vom gleichen Schlag", dann muss Harlan auch ein Bösewicht und krank sein wie Richard Mech. - Ich legte das Buch zur Seite: Das kann, das darf doch nicht wahr sein! Konnte es sein, dass ich etwas falsch verstanden oder überlesen hatte? Ich blätterte zurück und suchte und suchte..... Die Lösung für Harlans rätselhaftes Geständnis steht wohl auf S.228, Zeilen 9 - 15. Ein Beispiel für die oben erwähnten "Ostereier"-Vorausdeutungen der Autorin. Allen Lesern dieses aufwühlenden Romans wünsche ich etwas, das ich irgendwo einmal gesehen habe: May your heart beat to the rhythm of desire. (Möge dein Herz schlagen zum Rhythmus des Verlangens.) - Es gibt nichts Schöneres im Leben.
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Eine Rezension von Roland's books >
vom 27. Dezember 2009 |